Pressebericht
Mittwoch, 12. Oktober 2011
Erntehilfe für Himalaya-Bauern
SOMMERFEST Verein „Kaule“ stellte vor, was er in einem kleinen nepalesischen Dorf bewirkt
VON BERND SCHÖNECK
Innenstadt. Eine buddhistische Gebetsfahnen-Girlande, die zwischen zwei Bäumen aufgehängt war, dominierte den Innenhof der Alten Feuerwache. Denn an diesem Nachmittag stand der kleine Himalaya-Staat Nepal im Mittelpunkt: Der Hilfsverein „Kaule e.V.“ hatte zum Sommerfest in der Alten Feuerwache mit einem Live- Musikprogramm sowie einem kleinen Büffet eingeladen – und stellte zugleich sein Projekt und die bisherigen Ergebnisse vor. Spargel und Kürbisse geerntet Seit 2008 arbeitet der 35 Mitglieder zählendeVerein im namensgebenden 3000 Einwohner zählenden Dorf Kaule, 25 Kilometer nordwestlich der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Die Freiwilligen des Vereins bringen dort 15 landwirtschaftlichen Familien-Kleinbetrieben die „Agroforstwirtschaft“ bei. Durch diese Form der Landwirtschaft, verbunden mit gezielter Aufforstung und einem Fruchtfolge-System, sollen die Nepalesen bessere Erträge erzielen können, als es auf den bisherigen traditionellen Terrassenfeldern der Fall ist. „Durch die gepflanzten Bäume verbessert sich die Bodenqualität, zudem wird die Erosionsgefahr geringer“, meinte die Vereinsvorsitzende Alina Schick, die im April selbst von einem dreijährigen Aufenthalt in Kaule nach Deutschland zurückgekehrt ist.
Was die Familie nicht zum Eigenbedarf braucht, können die Bauern auf dem Markt verkaufen – und ihre Überschüsse in Bildung und Gesundheit ihrer Familien investieren.Vor Ort hat der Verein ein Besucherzentrum aufgebaut, in dem Freiwillige aus vielen Ländern der Welt während ihres Kaule-Aufenthalts wohnen. „Ebenso wichtig wie die Landwirtschaft ist jedoch auch das Marketing“, meinte Schick. Die Bauern müssten sich überlegen, welche Feldfrüchte derzeit gefragt seien – und auf welchen Märkten gute Preise erzielt werden. Volontäre, unter denen sich auch Ökonomen befinden, arbeiten mit den Einwohnern zusammen, um Konzepte dafür auszuarbeiten. Das Projekt, das unter anderem von der bundeseigenen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), dem Freiwilligenprogramm „Weltwärts“, der Drogeriekette „dm“ undweiteren Partnern unterstützt wird, zeitigte bereits seine ersten Erfolge: „Die teilnehmenden Familien konnten in diesem Jahr erstmals Spargel und Kürbisse ernten, zudem Futterpflanzen für das Vieh“, berichtete die Gründerin. Nun sollen sie ihre Kenntnisse – nach dem Prinzip eines Schneeballsystems – anderen Dorfbewohnern beibringen. Doch bei allen Erfolgen gibt es auch Probleme. „Eine Bande von sechs Affen macht derzeit einen Teil der Ernte kaputt“, erzählte Schick. Ein Stück Nepal für daheim gab es schließlich auf der Tombola im Rahmen des Sommerfestes: Der Verein hatte landestypische Artikel wie Tee, Duftöle, handgefertigte Täschchen, Figuren oder Räucherkerzen als Preise organisiert. Und wer Losglück hatte, konnte sogar eine der nepalesischen Gebetsfahnen mit nach Hause nehmen. Die Gruppe trifft sich an jedem ersten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im Bürgerzentrum Deutz an der Tempelstraße 41 – 43. Interessenten sind bei den Treffen willkommen. Auf ihrerWebsite berichtet der „Kaule e.V.“ sehr ausführlich über seine Arbeit und seine laufenden Projekte in Nepal.
www.kauleev.org
3 Fragen An: Alina Schick
„Klimawandel, Erbfolge und Politik behindern Entwicklung“
Warum das Land zu den ärmsten der Erde zählt
Frau Schick, wie ist damals die Idee für einen Nepal-Verein entstanden?
SCHICK: Ich bin 2006 nach meinem Biologie-Studium und meiner Arbeit für die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) in Paris in der Abteilung für Landwirtschaft, Ernährung und Fischerei selbst als Volontärin nach Nepal gegangen und hatte ein Projekt in Kaule gesehen. Da entschloss ich mich, langfristig mit den Menschen zusammenzuarbeiten und die Ergebnisse wissenschaftlich zu dokumentieren. So gründeten sieben Mitstreiter und ich Anfang 2008 denVerein.
Wie leben eigentlich die Menschen in Nepal – haben sie im Großen und Ganzen ihr Auskommen, oder herrscht dort sehr große Not?
SCHICK: Nepal ist eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Die meisten Menschen sind sehr arm, die Quote der Analphabeten ist hoch. Gleichzeitig herrscht eine große soziale Ungleichheit. Die Bevölkerung wächst schnell, zudem ist Nepal sehr stark vomKlimawandel betroffen – insbesondere durch das Abschmelzen von Gletschern im Himalaya. Ein zusätzliches Problem ist die komplizierte Erbfolge: Das Gut der Eltern wird unter den Geschwistern geteilt, die Grundstücke für den Einzelnen werden immer kleiner.
Nepal stand vor wenigen Jahren wegen der Abschaffung seiner Monarchie in den Schlagzeilen. Wie hat sich die Lage im Land geändert?
SCHICK: Die politische Situation ist sehr schwierig; die Übergangsphase von der Monarchie zur Republik ist noch in vollem Gange. DerAufbau rechtsstaatlicher Institutionen braucht seine Zeit, ebenso wie das Einüben demokratischer Prozesse. Überhaupt ist die Mentalität der Menschen anders als in Deutschland. Man lebt dort nach der „Nepal-Zeit“ – das bedeutet, alle Dinge brauchen etwas länger.
Das Gespräch führte Bernd Schöneck
Dieser Artikel ist am 29. September 2011 im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen.














