Mittwoch, 08. Juli 2009

Stell dir vor, du kommst in eine Landschaft voller Hügel, es steht eine kleine Hütte mit blauen Fensterrahmen vor dir, mit Hunden, die sich in der Sonne räkeln und du wirst von den Leuten, die hier schon seit Monaten leben und arbeiten, herzlich empfangen.
Stell dir vor, du erlebst dies, nachdem du eine Woche in den schmutzigen Straßen Kathmandus herumgelaufen bist und feilschen musstest und auf einmal weisst du, dass du angekommen bist. An diesem Ort, an dem das Projekt stattfindet – von dem aus man einen Blick auf die Stadt Kathmandu und auf die verschneite Gebirgskette des Himalaya hat – fühlt man sich sehr schnell zuhause.
Dieses Heimatgefühl ist wichtig, vor allem wenn man in eine völlig neue und ungewohnte Gegend kommt. Aber ich machte mich sowohl mit dem naheliegenden Dorf und seinen Bewohnern schnell vertraut und sie wurden bald für mich zu einer kleinen Familie. Schon nach zwei Tagen wurden wir zu einer Hochzeit im Dorf eingeladen und einige Tage später bei einem Bauern, der am Projekt teilnimmt, zum Abendessen.
Alle anderen Projektmitglieder (1) waren auch dabei. Wir aßen das Nationalgericht „Dhaal Bhaat”, tanzten bis spät in die Nacht und verbrachten so einen wundervollen Abend miteinander.
Wie wir miteinander kommunizierten? Tja, da wir nur Englisch sprachen und die anderen nur Nepali oder Tamang, die in dieser Gegend gesprochene Sprache, versuchten wir, uns mit Händen und mit Lachen verständlich zu machen, was sehr gut funktionierte. Und warum auch nicht ein wenig Englisch lernen?
Alinas Vorschlag, den Projektteilnehmern und ihren Kindern Englisch beizubringen, wurde gleich am nächsten Tag in die Tat umgesetzt. Eine kleine Hütte war schnell gefunden und wurde, nachdem die Bauern ihre Feldarbeit und wir unsere Projektaufgaben erledigt hatten, zum abendlichen Treffpunkt: der Raum war klein und die Schüler, die sich auf dem mit Matratzen ausgelegten Boden niedergelassen hatten, zeigten großes Interesse. Es war eine überwältigende Erfahrung.
Schon auf dem Weg zu dem kleinen Klassenzimmer hatte ich das Gefühl, durch mein Heimatdorf zu spazieren, als ich in alle Richtungen die Leute mit „Namaste”, was so viel heißt wie Hallo!, grüßte. Mit Hilfe eines netten Dolmetschers aus dem Dorf unterrichteten wir zuerst die Kinder, die sehr darauf erpicht waren, ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Es machte uns großen Spaß, ihnen einfache Tänze und Lieder in englischer Sprache beizubringen. Danach kamen die Erwachsenen an die Reihe: noch vor Beginn des Unterrichts baten sie um Stift und Papier und schenkten uns einen Teller voller Erdbeeren, um sich so auf ihre Weise bei uns zu bedanken.
Bald darauf fanden schon die ersten Gespräche mit den Bauern auf Englisch statt. Auf unsere Frage: „How are you?” bekamen wir in den ersten Wochen als Antwort die Gegenfrage „How are you?” und gleich darauf großes Gelächter zurück. Doch nach einiger Zeit antworteten sie richtig und anstatt „How are you?” kam als Antwort „I am fine“, gefolgt von einem breiten Lächeln und schon sicherer klingendem Gekicher. Und als die Bauern zu unserem Haus kamen, um an der Schulung teilzunehmen, konnten wir uns auf diese Weise „unterhalten”. Und so vergingen die Tage.
Die Geschichte mit der alten Bauersfrau hat mich am meisten beeindruckt und jetzt, wo ich wieder zuhause bin, denke ich immer noch daran zurück. Ich gab ihr ein Blatt, auf das ich ihren Namen in englischer Sprache geschrieben hatte: Budda Laxmi, welches als Geschenk gedacht war. Am nächsten Tag gab sie mir das Papier zurück. Beide Seiten waren beschrieben, denn sie hatte geübt, ihren Namen zu schreiben. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sie noch nie zuvor einen Stift in ihrer Hand gehalten. In solchen Momenten bekommt man so viel zurück. Und so hat auch mir das ganze Projekt viel gegeben. Ich habe auch versucht, einen Beitrag zu leisten, indem ich dabei mithalf, das Projektgelände so aufzuteilen, dass Platz für neue Pflanzen entstand. Die Hüttenwände wurden mit einer Schicht Zement versehen, um sie vor heftigen Regenfällen zu schützen und um das Gelände insgesamt zu sichern.
Das Schönste an dem Projekt war für mich die Möglichkeit, so viele unterschiedliche Dinge zu tun wie Unterrichten, im Freien zu arbeiten und zu lernen, wie man Zement mischt oder wie man einen Zaun baut. Das war nur möglich, weil Alina jedem Teilnehmer freie Hand lässt, das zu tun, was man selbst für wichtig erachtet. Dadurch wurde jeder Tag zu einem neuen Abenteuer, und in Nepal ist sowieso ständig etwas los: entweder der Wassertank wird durchlässig oder es gibt einen Stromausfall. Doch mit netten Menschen wie den Freiwilligen aus anderen Ländern und vor allem mit Alina erscheinen diese Probleme kleiner und am Ende des Tages sitzen wir zusammen am Lagerfeuer und lachen darüber.
Man erkennt die vielen kleinen Schritte, die letztendlich zum Ziel des Projektes beitragen und man kann fühlen, dass die Bauern sich bewusst darüber werden, was sie noch zu tun haben, um ihre Situation zu verbessern. Und wenn man alle diese kleinen Momente zusammen nimmt, wird aus dem Projekt Kaule für einen Volontär, der mit einigen Erwartungen nach Nepal kommt und der um viele tolle Erfahrungen reicher zurückkehrt, ein großartiges Abenteuer. Ich komme zum Ende meines Berichts und es ist an der Zeit, mein “Thank you” an Alina zu richten! Allein durch ihr Organisationstalent, ihren Einsatz und ihren Enthusiasmus wurde dieses Projekt möglich! Dhaanyaabaad, Thank you, Dankeschön!
Marie